Marke Saskia Wittmer

Interview mit Saskia Wittmer / 26. Februar 2014

„Die Kunden betreten die Werkstatt und gehen in eine andere Welt“

Florenz. Die Deutsche Saskia Wittmer lebt ihren Traum: Sie fertigt in Handarbeit erstklassige Maß-Schuhe in Florenz und verkauft diese für eine Summe in der Höhe eines italienischen Kleinwagens in die ganze Welt. Im Hintergrund-Interview mit Spall.macht.Marke spricht die Wahlitalienerin über ihr Markengeheimnis. Und gibt Tipps wie aus einer Leidenschaft für Schuhe eine gefragte Schuhmarke wachsen kann.

Spall.macht.Marke: Frau Wittmer, Sie sind vor knapp 2 Jahrzehnten ausgezogen, um in einer männerdominierten Branche Fuß zu fassen. Und das auch noch nach Italien, wo Schuhbewusstsein genetisch angeboren scheint. Wie hat man Sie mit Ihrer eigenen Werkstatt empfangen?

Am Anfang hörte man „guck mal hier, eine Frau die Schuhe macht“. Das ist immer noch etwas sehr, sehr seltenes in Italien. Dann haben sie die ganzen alten Herren, die an unserer Werkstatt vorbeilaufen und eine junge Frau sehen, die da sitzt und Schuhe macht. Oft hatte ich ein Fenster offen und hörte die Kommentare: „Die ist sowieso in einem Jahr wieder weg, eine Ausländerin und dann noch eine Frau“. Heute sagen die Italiener nur noch „Complimenti“.

S.m.M: In welchem Moment haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Ihr beruflicher Weg ausgerechnet im Schuhhandwerk liegt?

Sagen wir, so mit drei Jahren. Ich habe einen extremen Schuh-Tick gehabt. Meine Eltern sind immer in die Berge gefahren nach Italien. Schon damals fand ich es faszinierender, Schuhgeschäfte anzugucken als am Strand zu liegen. Meine Eltern waren immer genervt, dass ich nur staunend vor Schaufenstern stand.

S.m.M: Eines müssen Sie uns unbedingt verraten. Ihre Schuhe beginnen bei 2400 EUR bei nach oben offener Fahnenstange. Wie erklären Sie einem Interessenten, für ein paar Schuhe mehr als für so manchen gebrauchten Fiat500 auszugeben?

Da müssen Sie überhaupt nichts erklären. Die Kunden betreten unsere Werkstatt, eine Art Showroom, und gehen in eine andere Welt. Dann sehen sie im Nebenraum, wie der Schuh genäht wird, wie der Schuh halbfertig ist. Sie können jeden Schritt hier sehen. Und dann sehen die auch, was für eine Arbeit dahinter steckt. 10 Tage reine Arbeitszeit ist das Minimum. Der gesamte Prozess dauert ungefähr 5 Monate. Der größte Teil unserer Kunden fragt überhaupt nicht nach dem Preis.

„Ich kreiere für jede Person das passende Einzelstück, mit all dem, was ich bin, und was ich kann.“

S.m.M: Was ist neben der aufwendigen Herstellung das Besondere an Ihren Produkten?

Wenn Sie einen Schuh bei mir kaufen, gibt es diesen nur ein einziges Mal auf der Welt. Sehen Sie, das Markenbewusstsein ändert sich. Wohlhabende Russen beispielsweise fliegen nicht mehr nur auf Prada, Gucci und Louis Vuitton. Sie wollen eine Marke, die nur für sie persönlich angefertigt wird. Es ist, als wenn sie in eine andere Welt eintauchen.

S.m.M: Was zeichnet Ihre Marke Saskia scarpe su misura aus?

Das bin ich. Saskia ist mein Name. Ich kreiere für jede Person das passende Einzelstück, mit all dem, was ich bin, und was ich kann.

S.m.M: Wie können wir uns Ihre Vermarktung vorstellen, Frau Wittmer? Werbespots im Italienischen Fernsehen? Wie bringen Sie Ihre Marke in die Köpfe Ihrer Kunden?

Ich mache so gut wie keine Public Relations. Gelegentlich gehe ich auf Aufstellungen. Auf einer Super-Luxus-Messe haben wir eine Konstruktion entworfen, so dass die Schuhe scheinbar wie vom Himmel fallen. Im Zentrum der Ausstellungsfläche wurde meine Werkbank platziert. Ich führte dort selbst vor, wie der Schuh von Hand genäht wird. So verstehen die Menschen, was dahinter steckt.

S.m.M: Verstehe, Sie verkörpern die Marke. Und was zeichnet Sie als Persönlichkeit aus?

Ich habe Freude an dem was ich mache. Denn wenn man daran keinen Spaß hat, wenn man keine Passion hat, dann können Sie das auch nicht so intensiv, also 7 Tage die Woche, machen. Ich wusste von meinem ersten Lehrtag an, dass ich irgendwann eine eigene Werkstatt haben werde. Das liegt vielleicht auch an meinem Dickkopf. Dieses Durchhaltevermögen, diese Selbstdisziplin brauchen Sie in diesem Geschäft. Darüber hinaus bin ich ein sehr positiv tickender Mensch und ich weiß, dass ich mich immer auf meine eigenen Kräfte verlassen kann.

S.m.M: Was treibt Sie in Ihrem Handwerk eigentlich an?

Ich glaube der Workaholic (schmunzelnd). Ich kann keinen Tag ohne Werkstatt sein. Andererseits treibt mich, dass ich immer noch besser sein will. Immer vorwärts.

„Ich will jedes mal dem Kunden das allerbeste geben, was ich habe.“

S.m.M: Das kann ich gut nachvollziehen. Sie wollen es also immer noch ein Stückchen besser machen, ja?

Absolut. Sie müssen wissen, wir machen nur Einzelstücke. Jeden Tag machen sie einen Schuh für eine andere Person. Das ist eine sehr persönliche Kultur mit den Kunden. Beim „Machen“ denke ich an das Gespräch mit dem Kunden, stelle mir vor, für welchen Zweck er den Schuh braucht. Ich will jedes mal dem Kunden das allerbeste geben, was ich habe. Ich gebe das beste Sohlenleder, das beste Oberleder; Ich versuche die beste Handnaht überhaupt zu machen. Ich versuche nicht – wie viele andere – von außen einen schönen Schuh zu machen und drinnen wird der Kunde hinters Licht geführt, indem er irgendwelche Billigfüllungen bekommt oder einen fertigen Absatz. Ich will das Beste geben, sowohl bei den Materialien also auch bei meinem Handwerk, und dabei trotzdem Spaß haben.

S.m.M: Starke Marken lassen sich meist auf ein einziges Wort reduzieren? Wie würden Sie Saskia scarpe su misura in einem Wort beschreiben?

Das ist schwierig. Vielleicht „kompromisslos“. Gerade während der Modewoche in Florenz bekomme ich Angebote, hier etwas zu designen oder da etwas zu produzieren. Aber da kommt in mir dieses „Nein“ hoch. Ich möchte nicht, irgendwas mit Design machen und meine Zeit in irgendwelchen Fabriken verbringen, wo alles Massenware ist. Einmal kam eine Frau herein und wollte dass ich ihre neue High-Heel-Kollektion produziere. Da habe ich gesagt „Schauen Sie sich doch hier bitte einmal um, ich mache Herrenschuhe“.

S.m.M: Es drängt sich der Verdacht auf, dass Sie nicht die einzige Frau mit einer Leidenschaft für Schuhe sind. Sicher träumen einige unserer Leserinnen auch heimlich davon ihre Passion zum Beruf zu machen. Was würden Sie ihnen raten?

Also als allererstes würde ich ihnen raten, ein Verständnis für den Schuh aufzubauen. Es ist nicht so einfach, mal eben einen Schuh zu entwerfen. Aber vom zugucken alleine lernt man überhaupt nichts. Ich kann nur empfehlen, in die Praxis einzutauchen.

S.m.M: Also „machen“?

Ja, machen! Und das beziehe ich jetzt nicht nur auf Schuhe, sondern auch auf viele andere Bereiche im Leben. Einfach mal wirklich hinter die Kulissen schauen. Ich hatte das Glück bei Deutschlands bestem Schuhmacher zu lernen. Was ihnen diese Lehre bringt, wissen Sie aber immer erst im Nachhinein (schmunzelnd).

S.m.M: Schauen wir ein wenig voraus. Welche Schlagzeile würden Sie in 10 Jahren gerne über sich lesen?

„Sie ist immer noch die weltbeste Schuhmacherin“ oder so etwas. Sie müssen verstehen, Italien befindet sich immer noch mitten in einer tiefen Krise. Sie brauchen hier extrem viel Kraft, um ihr Niveau zu halten. Und es ist nicht leicht, immer wieder weiter zu machen. Deshalb würde mich diese Schlagzeile besonders freuen.

S.m.M: Das wünschen wir Ihnen von Herzen, Frau Wittmer. Herzlichen Dank für das tiefgründige und inspirierende Gespräch!

Hier erfahren Sie mehr über Saskia Wittmer:

http://www.saskiascarpesumisura.com