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Kommentar von Christopher Spall / 14. Juni 2021

Nach dem Kollaps des dänischen Nationalspielers Christian Eriksen scheint es seit Samstagabend kein anderes Thema mehr zu geben. Der G7 Gipfel, die sportliche Berichterstattung rund um die EM mit Abstand, folgen in den Nachrichten und sozialen Medien direkt dahinter. Es scheint, als hätte sich heute jeder mit Öffentlichkeitswirkung und Bezug zum Sport, ein T-Shirt oder einen Social Media Post mit „Stay Strong Christian Eriksen“ gebastelt.

Das wundert mich sehr. Nicht, weil ich es unangemessen finde, für das persönliche Schicksal eines Menschen Mitgefühl zu empfinden. Im Gegenteil. Ich wünsche Herrn Eriksen alles erdenklich Gute und baldige Genesung. Ein Herzstillstand ist ein schlimmes persönliches Schicksal.

Ich frage mich vielmehr, ob es richtig ist, dieses Mitgefühl in diesem Maße zur Schau zur stellen. Ich frage mich konkret, ob dieses zur Schau getragene Mitgefühl überzogen ist.

Übertreiben wir es mit dem öffentlichen Mitgefühl für Christian Eriksen?

220.000 Menschen erleiden jährlich einen Herzinfarkt, alleine in Deutschland. Jeder vierte dieser Menschen stirbt. Wo ist der Aufschrei?

Während der 100-minütigen Unterbrechung des Spiels Dänemark gegen Finnland am Samstag starben statistisch laut Angaben der Unicef 600 Kinder an den Folgen von Unterernährung. Wo ist der Aufschrei?

Vor einigen Tagen berichtet der Spiegel über die Folgen der Langzeitunterbringung in syrischen Flüchtlingslagern. Das Magazin erzählt die Geschichte von einem 5-jährigen Mädchen Nahla, die ihr gesamtes Leben in unwürdigen Zuständen im Lager gelebt hat, von ihrem Vater wochenlang angekettet wurde und inzwischen verstorben ist. Nahla ist kein Einzelfall, sondern Sinnbild einer humanitären Katastrophe. Wo waren die „stay strong“-Plakate? Wo war der Aufschrei?

Ist in unserer Gesellschaft das richtige Gefühl für Mitgefühl verloren gegangen?

Kann es sein, dass es zur Mode geworden ist, immer dann Mitgefühl zur Schau zu stellen, wenn es gerade „en vogue“ ist? Wenn das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit genau auf dieses Thema gerichtet ist? Kann es sein, dass viele ihr Mitgefühl öffentlich zeigen, weil sie sich eine Resonanz versprechen? Wenn dies so wäre, dann wären diese Reaktionen kein echtes Mitgefühl, sondern künstliche Betroffenheit.

Christian Eriksens Mitspielern, Freunden und seiner Familie so etwas zu unterstellen, ist natürlich Blödsinn. Doch darüber hinaus gibt es einige öffentlichkeitswirksame Aktionen, die Fragezeichen aufwerfen.

Die deutsche Nationalmannschaft posierte am Sonntag vor einer ca. 5×3 Meter großen Riesenleinwand mit Genesungswünschen für den betroffenen Spieler, der am Samstag bereits vor Wiederanpfiff des Spiels wieder mit seiner Mannschaft sprechen konnte.

Bitte verstehen sie mich nicht falsch: Ich möchte den Gesundheitszustand von Herrn Eriksen nicht verharmlosen, aber ihn auch nicht kritischer machen, als er ist. Vielleicht geht es in dieser Geschichte ja im Kern gar nicht um Eriksen. Vielleicht geht es um uns. Um uns als Meinungsmacher und Meinungskonsumenten in einer hochnervösen Medienlandschaft, die sich dauerhaft vor dem nächstem Shit Storm wegduckt. In dieser Hypernervosität bereiten Menschen und Organisationen, die in der Öffentlichkeit stehen, lieber schon mal das nächste Entschuldigungsschreiben vor, als sich über ihre Haltung klar zu werden.

So wurde das ZDF dafür kritisiert, dass es am Samstag erst dann keine Bilder mehr vom Spielfeld gezeigt habe, als das Ausmaß der Situation offensichtlich wurde. Es sei pietätlos gewesen weiter zu senden. Dabei hatte der Sender sofort, als klar wurde, wie schlimm es um den Spieler stand, reagiert und keine Nah-Bilder mehr gezeigt. Vielleicht sollte das ZDF bei allen weiteren Spielen der EM vorsichtshalber gar keine Bilder von den Spielen zeigen und stattdessen nur Ton. So könnte vermieden werden, nochmal von so einer Situation überrascht zu werden. Irrsinn. Niemand konnte ahnen, dass der Spieler, der ohne Fremdeinwirkung zu Boden ging, in eine lebensbedrohliche Lage kommen könnte. Ich glaube, uns ist das Maß für den Aufschrei verloren gegangen. Vielleicht, weil heute jeder noch so deplatzierte Schrei in den sozialen Medien von irgendjemandem ein Echo erhält und weiter schallt. Und weiter. Und weiter.
Vielleicht wird auch dieser Kommentar einen Shit Storm auslösen und als Verunglimpfung der Notsituation eines Einzelnen ausgelegt. Vielleicht. Vielleicht kann er aber auch eine Anregung sein, Klartext zu reden und Haltung zu zeigen in Momenten, die dafür kompliziert erscheinen.

Auch in der hitzig geführten Gender-Debatte stellt sich für mich bisweilen die Frage nach dem richtigen Maß für den Aufschrei. Die Gleichberechtigung in der Sprache ist grundsätzlich eine gute Idee. Nur wird teilweise so getan, als ob das Gendersternchen die Diskriminierung von Frauen signifikant verbessern könnte. Leider liegen die Ursachen für diese Diskriminierung allerdings woanders. Da ist Gewalt gegen Frauen in Beziehungen, häufig unter dem Radar der Öffentlichkeit und der Polizei. Und noch immer sind Frauen deutlich benachteiligt im Job. Nicht nur, wenn es um das Entgelt geht, sondern auch bei den Karrierechancen. Diese Probleme werden durch die sprachlichen Feinheiten der Genderdebatte leider nicht gelöst. Doch sich für das Gendersternchen einzusetzen liegt gerade im Trend. Also schnell mitmachen.

Ich sehe Marken landauf und landab, die sich zunehmend in ein rechtes Licht rücken, um besonders sozial oder ökologisch zu erscheinen. Dabei kann man Greenwashing mittlerweile innerhalb von wenigen Minuten decodieren. Sichtbar wird es häufig dadurch, dass Unternehmen in ihren eigenen PR-Meldungen völlig unterschiedliche Beiträge des Gutmenschentums anhäufen. Heute den Kaninchenzüchterverein unterstützt, morgen den Regenwald gerettet. Ein solches Verhalten zeigt, dass keine unternehmerische Haltung oder Strategie dahintersteckt, sondern der Wunsch nach Aufmerksamkeit. Doch genau das brauchen wir wieder mehr: Mitgefühl als Ausdruck einer inneren Haltung. Und nicht nur dann, wenn die Scheinwerfer angehen und eine öffentliche Erwartungshaltung vorhanden ist. Sondern immer dann, wenn es notwendig und möglich ist. Ich glaube, wir werden noch einige Jahre brauchen, bis wir einen vernünftigen Umgang gefunden haben werden mit der gestiegenen Erwartung an das soziale Engagement der Unternehmen einerseits und der Notwendigkeit der Gewinnerwirtschaftung andererseits. Und vielleicht braucht es auch noch ein paar Jahre, bis weite Teile der Twitter- und Instagram-Nutzer sich ihrer Verantwortung als eigene PR-Agentur bewusst werden und bewusst handeln.

Sowohl für Einzelperson als auch für Organisationen gilt: Mitgefühl und Aktivismus sollten Ausdruck einer inneren Haltung sein, der eigenen Identität. Und kein Fähnchen im Wind. Dafür lohnt es sich, immer wieder den Blick zu weiten, das eigene Bild zu objektivieren und mit der eigenen Haltung abzugleichen. Das dann geäußerte Mitgefühl fühlt sich nicht nur echt an. Es kommt auch so rüber.

 

Das Interview führte Alexander Möthe.

Bildquelle: HANDELSBLATT

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