3.3.2022 | Schlagwörter: , , , , ,

Gastbeitrag von Christopher Spall in der DIE WELT / 03. März 2022

Die frühen 20er-Jahre scheinen uns unsere Grenzen aufzeigen zu wollen: Pandemie, Flut, Krieg in Europa. Wir werden so hart getroffen, weil wir uns geweigert haben, uns als Gesellschaft auf diese Herausforderungen vorzubereiten. Das muss sich ändern – in drei Schritten.

(…)

1. Mehr Vorstellungskraft für das Jahrzehnt der Grenzerfahrungen

Walt Disney prägte einst den Leitsatz „If you can dream it, you can do it.” Das bedeutet im Umkehrschluss: Was man sich nicht vorstellen kann, kann man nicht machen. Das Phänomen, das keine Bilder im Kopf entstehen, wird als Afantasie bezeichnet. Vielleicht ist unsere gegenwärtige Ohnmacht darauf zurückzuführen. Haben wir verlernt, uns die Zukunft vorzustellen?

Zugedröhnt von Wohlstand brauchten wir uns allerdings zu lange nicht vorzustellen, unsere Freiheit selbst wieder in die Hand nehmen zu müssen. Uns ging es einfach zu gut. In Sicherheit gewiegt von sprudelnden Wirtschaftsexporten, haben wir munter Handel mit jedem in der Welt betrieben.

Unsere mangelnde Vorbereitung auf bedrohliche Krisen resultiert aus unserem halbherzigen Zukunftsmanagement.

„Glück ist das Zusammentreffen von Fantasie und Wirklichkeit“, formulierte ausgerechnet der russische Intellektuelle und Schriftsteller Leo Tolstoi.

Um uns selbst zu unserem Glück zu verhelfen, müssen wir wieder lernen, unsere Vorstellungskraft zu nutzen. Selbstverständlich nicht, um in Glaskugeln zu lesen und unvorhersehbare Ereignisse vorherzusehen. Sondern indem wir uns wieder systematisch mit (Zukunfts-)Szenarien auseinandersetzen. Dabei ist keineswegs immer – reflexartig deutsch – vom Worst Case auszugehen. Szenarien leben von Wahrscheinlichkeiten, nicht von Pessimismus. Es geht vielmehr darum, dass wir uns wieder mit dem Möglichen überhaupt beschäftigen. Wir in Europa müssen wieder selbst große Ideen für unsere Zukunft entwickeln, um diese aktiv zu gestalten, statt immer nur auf das Silicon Valley und China zu reagieren. In dieser Denke sind Visionen mitnichten ein Grund zum Arzt zu gehen. Sie sind ein unabdingbares Werkzeug, um die eigene Freiheit zu beschützen.

2. Die neue Realität verlangt eine klare Positionierung von Politik, Wirtschaft und uns allen

Der Krieg setzt unserem Zögern ein Ende. Die politische Prokrastination der europäischen Regierungen in dieser Krise ist eine logische Fortsetzung des Zauderns der Nuller- und Zehnerjahre. Das Aussitzen von Konflikten, das im Verb „merkeln“ seinen Kulminationspunkt findet, endet jetzt. Schluss mit dem zögerlichen Besetzen neuer Technologien, dem zögerlichen Widerstand gegen Chinas Technologieklau und seiner Unterdrückung von Minderheiten, dem zögerlichen Abbau von Bürokratie, der zögerlichen Digitalisierung von Staat und Unternehmen, der zögerlichen konsequenten Bekämpfung des Klimawandels. Und last but not least: Schluss mit dem zögerlichen Umgang mit Diktatoren.

Wir wollten uns zu wenig zumuten. Doch genau das war die Zumutung schlechthin.

Der russische Wake up Call zwingt uns, klar Haltung zu zeigen. Der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sieht darin den einzigen Weg, um überhaupt von Putin ernst genommen zu werden. Dem Spiegel (Ausgabe vom 27.02.22) sagte er, er glaube, Putin halte uns alle für „Weicheier“. Das Zaudern der westlichen Staaten im Umgang mit Russlands Truppenaufmarsch seit April 2021 hat vermutlich dazu beigetragen, dass Putin den Westen schlicht nicht mehr ernst genommen hat.

Und sicher hat die Ankündigung der Bundesregierung, 5000 Helme zur Abwehr einer möglichen russischen Invasion nach Kiew zu liefern, in Moskau nicht für mehr Respekt gesorgt. Eine klare Positionierung ist eine Voraussetzung dafür, ernst genommen zu werden – in einer Welt, in der Macht- und Interessenpolitik wieder offener zum Einsatz kommt. Heute seitens Russlands. Morgen vielleicht seitens Chinas. Übermorgen seitens der USA, wenn nach Biden wieder Trump das Sagen haben sollte.

Wir haben nie klar Position bezogen zu den echten Herausforderungen unserer Zeit. Wir wollten uns zu wenig zumuten. Doch genau das war die Zumutung schlechthin. Stattdessen haben wir Luxusdiskussionen geführt, ob man nun „Kriegstreiber/innen“ oder „Kriegstreibende“ schreiben sollte. Wie lächerlich. Wir hatten scheinbar keine dringlicheren Themen. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen ist hart. Keine Schönwetter-Debatten mehr. Schluss mit der Selbstbeschäftigung. Die Zeit des Rumdrucksens ist vorbei.

Wir brauchen keine Cancel-Kultur, sondern eine Duldungs-Kultur für Positionierungswillige.

Das Zeigen klarer Haltung ist aber nicht allein für unsere politischen Entscheidungsträger wichtig. Nun geht es für jeden von uns darum, seine Rolle zu finden in der neuen, von Putin geschaffenen Welt- und Wirtschaftsordnung. Wir sollten in allen Gesellschaftsbereichen wieder mehr Positionierungswillen ausbilden. Jeder einzelne von uns braucht mehr Mut, Position zu beziehen. Ich denke an alle Organisationen mit russischen Investoren oder Kunden.Metapher des Einäugigen unter den Blinden böte sich hier erneut an. Doch wir üben uns in Scholz‘scher Gelassenheit.

Wie konsequent werden diese Organisationen jetzt Stellung beziehen? Ich denke an das Innenleben unsere Konzerne, wo bisweilen derjenige am weitesten kommt, der sich gerade nicht exponiert. Lasst uns diese Kultur endlich aufbrechen. Indem wir den Menschen und Organisationen um uns herum erlauben, ihre Grundsätze klipp und klar zu vertreten – in Meetings, am Esstisch zuhause, in den sozialen Medien. Dafür brauchen wir keine Cancel-Kultur, sondern eine Duldungs-Kultur für Positionierungswillige. Wer Menschen und Unternehmen will, die Haltung zeigen, muss anderslautende Meinungen aushalten können und darf diese nicht in den sozialen Medien abstrafen.

In einer klaren Positionierung liegt vermutlich auch die einzige Lösungsmöglichkeit für diese Krise. Nämlich die Positionierung der neuen wirtschaftlichen Superpower China. Bislang hat sich die Volksrepublik sehr zurückhaltend geäußert und mit der Enthaltung im UNO Sicherheitsrat die westliche Welt düpiert. Solange die Regierung der Volksrepublik Putin politisch und wirtschaftlich den Rücken stärkt, ist kein Einlenken des ehemaligen KGB-Spions zu erwarten. Nur wenn Präsident Xi von Wladimir Putin abrückt, könnte dies Putin zum Einlenken bringen.

3. Europa hat jetzt die Jahrhundertchance zurück zur gemeinsamen Identität

Vor acht Jahren, im Jahr 2014, habe ich einen Gastbeitrag im „Handelsblatt“ veröffentlicht, der einen Bauplan umfasst, wie Europa wieder relevant für seine Bürger werden könnte. Der Artikel trug den Titel „Superbrand Europa – wie aus der Vernunftunion eine starke Marke werden könnte“. Diese Utopie hat sich leider nicht erfüllt. Aus der Schuldenunion wurde keine starke Marke. Die letzten zehn Jahre waren für Europa ein Drama. Geschwächt durch den Austritt Großbritanniens, der gescheiterten Flüchtlingspolitik und zunehmend außenpolitischer Irrelevanz, taumelte die EU wie ein angeschlagener Boxer in seiner Ecke und sah die Sterne der Europaflagge über sich kreisen.

Die Prinzipien für den Aufbau Europas zum Herzensprojekt sind nach wie vor richtig: Gemeinsame Werte, ein klarer Existenzgrund und echte Vorbilder.

Diese Bausteine einer starken Identität sind auch acht Jahre später noch die Zutaten für die Lösung vieler Probleme Europas. Nur ein zentraler Faktor hat sich leider geändert: Jetzt gibt es eine gemeinsame Bedrohung. Erleben wir das neue Erwachen des europäischen Projekts? Die ersten Zeichen sind am Horizont sichtbar. Alle Staaten der EU sicherten ad hoc zu, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen. Die Bundesregierung kündigte an, die Bundeswehr nun mit 100 Milliarden Euro so fit zu machen, sodass sie irgendwann wenigstens ein Mindestmaß der Selbstverteidigung gewährleisten kann. Und trotz des drohenden Bumerang-Effekts für die deutsche Wirtschaft wurden harte Sanktionen gegen die russische Regierung getroffen, vor allem der Ausschluss aus dem Zahlungssystem Swift. Ist die Bedrohung von außen die Chance auf das Wiederfinden der gemeinsamen Identität Europas?

In den letzten Tagen war sehr häufig von einer Zeitenwende die Rede, oder, etwas schicker, von einer „neuen Normalität“. Der Begriff der neuen Normalität begegnete mir persönlich zum ersten Mal 2008 in der Finanzindustrie, als alle nach der Pleite von Lehmann Brothers plötzlich von „The new normal“ sprachen. Interessanterweise geht der Begriff allerdings zurück bis ins Jahr 1966 auf den Autor Robert Heinlein und seinen Roman „The Moon and the harsh mistress“, in dem Heinlein den Übergang zu einer neuen Zeitrechnung beschrieb.

Seitdem wird der Begriff für alles unerwartet Neue hergenommen, zuletzt für die neue Normalität nach Covid-19. Nun stehen wir erneut vor einer neuen Normalität. Eine Normalität, in der Frontenbildung und Einflusszonen an der weltpolitischen und wirtschaftlichen Tagesordnung stehen. Eine Normalität, in der Freiheit in Europa nicht mehr selbstverständlich ist.

Was den Begriff „The new normal“ von anderen zeitgeistigen Buzzwords wie bspw. VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity) unterscheidet, ist, dass die neue Normalität nicht definiert ist. Was ist schon normal? Die neue Normalität ist vielleicht deshalb gerade interessant, weil ihre Geschichte schlicht noch nicht geschrieben ist. Wir definieren de facto die neue Normalität mit. Dabei können uns drei Dinge helfen:

1. Die klare Positionierung von Unternehmen, Staaten und Menschen zu gesellschaftsrelevanten Themen

2. Die Ausbildung und Verteidigung einer gemeinsamen europäischen DNA

3. Fantasie in der Vorbereitung auf die mögliche Zukunft

Und auch wenn wir es uns nicht vorstellen können: Sicherheit ist und bleibt eine Illusion. Deshalb ist es Zeit, aufzuwachen. Denn nur eines ist sicher: Die Zukunft ist noch nicht geschrieben.

 

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Bildquellen: DIE WELT; Photo by Tina Hartung on Unsplash

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